Überschrift

roma-kinder

Bild

Ein kleiner Junge aus dem Ort Mitrovica | UNICEF/Chris Schuepp/2010

Headline / Subheadline

Roma-Kinder im Kosovo:
Abgeschoben und vergessen

Die Geschichte von Sanije

Sanije war zwölf, als die Polizei mitten in der Nacht kam, um sie zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihrer verwitweten Mutter in den Kosovo zu schicken. Sanije verbrachte das gesamte Jahr seit ihrer Rückführung in einem baufälligen Haus in einem Dorf in der Nähe Ferizajs. In Deutschland war sie eine gute Schülerin, doch da sie nicht auf Albanisch schreiben kann und im Kosovo auch keine Hilfe erhält, war ihr letzter Schultag der Tag, als die deutsche Polizei ihre Familie in ein Charterflugzeug nach Pristina setzte. Mehr Geschichten

Baustein 1

26. August 2011 - Schon im vergangenen Jahr haben wir über die schwierige Lage von Roma-Kindern berichtet, die aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben werden. Die Kinder und Jugendlichen sind meist in Deutschland geboren, hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ihre Muttersprache ist Deutsch. Da ihre Eltern jedoch keine Deutschen sind und ein Gesetzt verbietet, dass sie unbeschränkt in Deutschland leben dürfen, werden diese Familien wieder zurück in den Kosovo gebracht. Hier haben die Kinder nicht nur das Problem, die Landessprachen (Albanisch, Serbisch) nicht sprechen zu können, oftmals wird ihnen gar nicht erlaubt, zur Schule zu gehen. Viele Roma-Kinder werden ausgegrenzt.

Rechte der Roma-Kinder werden nicht geachtet

UNICEF hat in einer neuen Studie herausgefunden, dass Roma-Kindern grundlegende Rechte verwehrt bleiben. Obwohl inzwischen die meisten der abgeschobenen Kinder und Jugendlichen im Kosovo offiziell registriert sind, gehen viele immer noch nicht zur Schule oder werden nicht medizinisch versorgt, wenn sie krank sind. Auch wenn sich die kosovarische Regierung darum bemüht, den Roma-Familien und Kindern Unterstützung zu geben, hat sich deren Situation im Vergleich zum letzten Jahr kaum gebessert:

  • Bildung: Drei Viertel aller in den Kosovo zurückgeführten Roma-, Ashkali- und Ägypter-Kinder im schulpflichtigen Alter besuchen keine Schule. Keine der vorgesehenen Maßnahmen wie Sprachkurse oder Förderklassen wurden umgesetzt. Immer wieder ignorieren Schuldirektoren offizielle Regelungen, die das Recht auf Bildung für diese Kinder sicherstellen sollen und weigern sich, die Kinder aufzunehmen (siehe Suzanas und Anitas Geschichte).
  • Armut: Viele rückgeführte Familien leben weiter in heruntergekommenen Wohnungen mit Plastikfolien in den Fensterrahmen und ohne Heizungs- oder Wasseranschluss. Sie haben meist keine geregelte Arbeit und im Laufe des Jahres auch den Anspruch auf Sozialhilfe verloren. Vielen ist es nicht möglich, lebensnotwendige Medizin oder ausreichend Brot zu kaufen (siehe Luzilms Geschichte).
  • Mangelnde Unterstützung: Die Bürgermeister und Schuldirektoren im Kosovo wurden angewiesen, Rückkehrerfamilien zu unterstützen. Doch tatsächlich fehlt es an politischem Willen und die Umsetzung der vorgesehenen Reintegrationsmaßnahmen auf der Ebene der Gemeinden ist weiterhin völlig unzureichend. Das System und die bestehenden Verfahren, um Hilfe zu erhalten, sind sehr langsam und umständlich. Nur ein kleiner Teil der vorgesehenen Mittel erreicht bislang einige wenige Familien.

Empfehlungen von UNICEF

Abgeschobene Roma-Kinder im Kosovo bekommen nur wenig Unterstützung | Foto: UNICEF/Chris Schüpp/2010
LupeAbgeschobene Roma-Kinder im Kosovo bekommen nur wenig Unterstützung.

In der neuen Studie gibt UNICEF folgende Empfehlungen zur Verbesserung der Situation der betroffenen Kinder:

  • Rückführungen von Roma-Kindern aus Deutschland in den Kosovo sollten nur erfolgen, wenn die Auswirkung auf das Wohl des Kindes im Einzelfall überprüft wurde. Kinder dürfen nicht dazu gezwungen werden, in den Kosovo zurück zu gehen.
  • Die deutsche Bundesregierung und die Bundesländer sollten kosovarischen Kindern, die in Deutschland geboren und integriert sind, ein dauerhaftes Bleiberecht geben.
  • Kosovarische Behörden müssen leicht zugängliche Sprachkurse, Förder- und Übergangsklassen einrichten. Die Kinder müssen ihre Schullaufbahn ohne Verzögerungen fortsetzen können.
  • Im Kosovo müssen Unterstützungsprogramme für bereits Zurückgekehrte verstärkt auf die Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet werden, damit zurückgeführte Kinder nicht auf Dauer in Armut und am Rande der Gesellschaft bleiben.

Über den Kosovo und die Roma

Der Kosovo ist das ärmste Land Südosteuropas, und die Roma sind die ärmste Volksgruppe im Kosovo. Zwei Drittel der Roma-Kinder leben dort in Armut. Jedes dritte Kind hat nicht einmal ausreichend zu essen. Die meisten heute in Deutschland lebenden Roma sind in den frühen 1990er Jahren aus dem Kosovo geflohen. Damals herrschte in Jugoslawien (der Kosovo war ein Teil davon) Bürgerkrieg. Weitere Roma-Flüchtlinge kamen in Folge des Kosovo-Krieges von 1998/1999.

extras

Überschrift "Videos"

videos

Unterzeile zum Video

Die Jahirovic-Geschwister aus dem Kosovo berichten in ihrem OneMinute-Video, wie sie aus Deutschland abgeschoben wurden.