
interview mit mirjam pressler
von unserer Junior-Reporterin Johanna Deuster

- Buchcover "Ein Buch für Hanna" von Mirjam Pressler
Krieg, Entwurzelung, Verfolgung und Heimatlosigkeit, Hunger und Todesangst. Wie schafft man es, unter unmenschlichen Bedingungen ein Mensch zu bleiben? "Mein Buch kann nur Hinweise geben, jenem Geheimniss selbst nachzuspüren", sagt die Autorin Mirjam Pressler.
"Ein jüdisches Mädchen darf nicht auffallen", sagt die Mutter zu ihrer 14-jährigen Tochter, als diese 1939 die Möglichkeit hat, Nazi-Deutschland zu verlassen. Hannas Ziel ist Palästina, aber zunächst muss sie zusammen mit anderen Mädchen in Dänemark bleiben.
Doch auch da sind die jüdischen Jugendlichen nicht mehr sicher. Gemeinsam mit ihren Freundinnen wird Hanna nach Theresienstadt deportiert. Hier erleidet sie den Kampf um das tägliche Überleben. Hunger, tödliche Krankheiten, Hoffnungslosigkeit und Angst bestimmen den Alltag.
Mirjam Pressler schrieb das Buch für ihre langjährige Freundin Hanna.
Es ist wie ein Geschenk an eine Frau, von der die Autorin sagt: „Sie war a mentsch, ein jiddisches Wort, das vor allem Güte und Menschlichkeit ausdrückt.“
Das Interview

- LupeAutorin Mirjam Pressler. Foto: Karen Seggelke/Beltz&Gelberg
Hanna ist vor fünf Jahren gestorben. Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben, das mit ihr zu tun hat. Wie sehen Sie Hanna vor sich, wenn Sie an sie denken?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich sehe natürlich erst mal vor mir die richtige Hanna, wenn ich an sie denke. Aber es fängt schon an, dass sich meine Hanna aus dem Buch mit der richtigen Hanna vermischt.
Sie lernten Hanna als Erwachsene kennen. Inwiefern war Hanna von der Vergangenheit geprägt?
Hanna war ein sehr ernsthafter Mensch. Hanna war auch manchmal ein bisschen depressiv, aber nicht so, dass man unbedingt sagen könnte, das kam nur von dieser Vergangenheit. Auch andere Menschen ohne diese Vergangenheit sind manchmal depressiv. Ich habe nie ganz verstanden, wie sie wirklich so wunderbar werden konnte.
Wie haben Sie zum Buch recherchiert?
Ich habe so ziemlich alles gelesen, was man über Theresienstadt lesen konnte. Es gibt sehr, sehr viel darüber. Es gibt wissenschaftliche Arbeiten über Theresienstadt, es gibt Autobiografien, es gibt sehr viel Dokumentationsmaterial. Es gibt zum Beispiel auch sehr viele Bücher mit Kinderzeichnungen aus Theresienstadt. Die kulturelle Arbeit in Theresienstadt ist zum Teil wirklich ausgezeichnet.
Als Leser Ihres neuen Buches geht man mit Hanna mit. Zunächst ist sie das jüdische Mädchen Hannelore, das in Leipzig in ärmlichen Verhältnissen mit Schwester und Mutter wohnt. Was hat die Mutter, was hat die Schwester ihr mit auf den Lebensweg gegeben?
Was ihr die Mutter mit auf den Lebensweg gegeben hat war sicherlich nicht gerade sehr hilfreich und sehr nützlich. Die Mutter war selber eine sehr arme Frau mit sehr schwierigen Lebensbedingungen. Die Hanna, die echte Hanna, hat zum Beispiel nie gewusst, ob ihr Vater sich umgebracht hat oder es ein Unfall war. Aber sie hat ihren Vater früh verloren, da war sie fünf Jahre alt. Ihre Mutter hat sie einfach so durchgebracht. Die Mutter hat ihr so viel mitgegeben, wie sie konnte und das war halt nicht so viel. Ihre Schwester habe ich nie kennen gelernt. Daher weiß ich es nicht, aber natürlich war es die große Schwester. Große Schwestern bedeuten immer etwas. Und sie sieht ja auch in Mira manchmal so etwas wie die große Schwester. Man fragt sich ja auch, wenn sie auf Mira sauer ist, ob sie sie wirklich so mag. Bei meiner Schwester hab ich mich das auch nie gefragt, man gehört halt zusammen.
Mit vierzehn Jahren muss Hanna ihr zu Hause verlassen. Ihre Mutter will sie so vor der Verfolgung in Deutschland bewahren und hofft mit ihr, dass sie einmal in Israel in Frieden leben kann. Hätte die Mutter nicht eine andere Entscheidung für ihre Tochter treffen sollen, z.B. eine Entscheidung, mit der die Mutter die Tochter begleiten könnte?
Das ging nicht. Das war unmöglich. Die Auswanderung war eigentlich 1939 nicht mehr machbar. Das war schon sehr schwierig. Und die Mutter war ja keine Frau, die Geld hatte. Sie hätte nicht mehr auswandern können. Es war einfach die zionistische Organisation, die für die Kinder die Plätze in Dänemark besorgt hat. Diese Mutter hat ihrer Tochter damit das Leben gerettet, dass sie unterschrieben hat.
Hanna erleidet schreckliche Dinge, Angst und tiefe Trauer. Und zusammen mit den anderen jüdischen Mädchen, die mit ihr in Dänemark ausgehalten haben, wird sie nach Theresienstadt deportiert. Alles wird noch bedrohlicher. Die Mädchen sind etwa in ihrem Alter. Wie können sie für Hanna eine Stütze sein?
Mira ist älter und Mira ist stärker. Und Mira ist vor allem das Mädchen, das sich für Hanna entschieden hat und für sie sorgt, weil sie die Kleine, die etwas Bedauernswerte ist.
Die Hanna im Buch verändert sich. Sie ist nicht mehr klein und geduckt. Sie übernimmt Verantwortung für die Mädchengruppe. War die reelle Hanna, die Sie kannten, auch so selbstbewusst und verantwortlich?
Das weiß ich nicht. Das weiß ich in Wirklichkeit nicht. Ich nehme an ja. So wie ich meine Hanna beschrieben habe ist es nicht im Widerspruch zu dem, wie ich die wirkliche Hanna kannte, aber ich weiß die Details nicht.
Die Zeit in Theresienstadt hat zu einer äußeren und inneren Distanz zu allen Menschen geführt. „Es ist als wären sie auf einer Seite vom Fluss und wir auf der anderen“, denkt Hanna im Buch. Was hat Hanna tun können, um diese Grenze zu überwinden?
Ich glaube es war ein langer Prozess, der erst nachher eingesetzt hat - in Freiheit sozusagen. Und der hatte natürlich damit etwas zu tun, dass sie jung war, dass sie sich verliebt hat, dass sie geheiratet hat, dass sie ein neues Leben aufgebaut hat, dass sie auch sehr, sehr damit beschäftigt war ein Leben aufzubauen. Und das mit anderen zusammen. Sie hat ja im Kibbuz gelebt. Sie hat ja wirklich ein Gemeinschaftsleben geführt.
Hat Ihre Freundin Hanna ein frohes Leben nach Theresienstadt führen können soweit dies noch möglich war?
Ja, ich glaube ja. Ich kannte ihren Mann, der allerdings sehr früh gestorben ist. Und wenn ich mich so erinnere, wie ich sie und ihren Mann zusammen erlebt habe, waren sie sehr freundlich miteinander.
Ist es der gleiche Mann gewesen wie im Buch?
Nein, das ist Fiktion.
Hatte sie Kinder?
Nein, Hanna hat keine Kinder bekommen. Auch das kann natürlich eine Folge sein. Man weiß es nicht. Sie hat ein Kind adoptiert.
Welchen Hinweis möchten Sie uns Lesern mit dem Buch geben?
Ich denke nicht an Leser, wenn ich schreibe. Ich denke an mich, wenn ich schreibe, ich denke vielleicht an meine eigenen Kinder. Ich möchte einfach die Geschichte erzählen, ich habe sie einfach für Hanna erzählt. Ich habe das Gefühl ich bin es ihr schuldig diese Geschichte zu erzählen, damit die Geschichte nicht untergeht und nicht vergessen wird.
Also wollten Sie nicht, dass die Leser daraus etwas lernen oder für die Zukunft etwas mitnehmen?
Nein, das überlege ich mir nicht. Aber natürlich will ich das, was Literatur bieten kann. Und das ist das Blickfeld erweitern, zeigen, dass es noch etwas anderes gibt oder noch etwas anderes gab, es anderes Leben gibt, andere Möglichkeiten gibt, andere Einschränkungen, andere Ängste. Natürlich will ich das, klar!

- Johanna Deuster
Junior-Reporterin Johanna Deuster
Johanna ist 14 Jahre alt und wohnt in Köln. Sie geht in die 8. Klasse. Sie trifft sich gern mit Freunden, geht gerne tanzen, liest viel und interessiert sich für Filme. Das younicef-Redaktionsteam ist sehr froh über die Unterstützung von Johanna!
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Zur Autorin
Mirjam Pressler wurde am 18.6.1940 in Darmstadt geboren. Nach ihrem Studium von Kunst und Sprachen lebte sie ein Jahr in einem Kibbuz in Israel.
In ihrem Leben spielten Bücher schon immer eine Rolle, doch erst mit 39 Jahren schrieb sie ihr erstes eigenes Buch. Heute lebt sie in Landshut.
Nicht nur mehr als 40 Bücher hat Mirjam Pressler geschrieben, sondern sie hat auch mehr als 300 Bücher übersetzt. Sie wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2009 mit dem internationalen Buchpreis Corine und 2010 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis für ihr Gesamtwerk.











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