
interview mit mirijam günter
Egal unter welchen Verhältnissen: Gelten Menschenrechte überall?
Junior-Reporterin Johanna Deuster sprach mit Autorin Mirijam Günter über ihre zwei Bücher „Heim“ und „Die Ameisensiedlung“.

- LupeBuchcover "Heim" von Mirijam Günter
Johanna: In Ihrem Buch „Heim“ geht es um Überleben, um Leben und Tod. Eine Bande Jugendlicher, die sich an nichts hält. Nur das Zusammenbleiben ist wichtig. Es kommt mir so vor als hätten Sie viele bittere Situationen in Ihrem Buch hervorgehoben.
Mirijam Günter: So sehe ich das nicht. Also, ich finde, dass es ein positiver Aspekt ist, wenn man für seine Freunde kämpft. Wenn sonst keiner da ist, hat man auch nur die Freunde. Deshalb ist für manche Jugendliche das Leben auch ziemlich bitter. Und da muss man sich Ziele setzen, die realistisch sind.
Der Leser wird von Ihnen in eine andere Welt mitgenommen. In die Welt von Jugendlichen, die täglich Erziehern gegenüberstehen, die sich nicht richtig durchsetzen. Warum schildern Sie die Erzieher als Personen, die zulassen, dass die Kinder nachts auf der Straße sind und ständig Schule schwänzen?
Ich möchte bewusst machen, dass wir in Deutschland verschiedene Welten haben und die eine Welt kriegt von der anderen nicht so viel mit. Wie mir mal ein Junge aus dem Jungendgefängnis mitteilte: „Wir lernen die anderen Jugendlichen gar nicht kennen, außer wenn wir bei ihnen einbrechen.“
Auch hier in unserer Stadt kann man nachts durch die Straßen gehen, und da trifft man ebenso 14, 15 und 16-jährige Jugendliche und fragt sich, warum interessiert das keinen Erwachsenen. Was machen die um Mitternacht auf der Straße, die müssen doch morgens in die Schule!
Eigentlich sollten doch die Erzieher besonders aufmerksam sein...
Beziehungen sind in diesem Fall sehr entscheidend. Wenn man zu den Eltern eine Bindung hat, lassen sie nicht zu, dass man nachts auf der Straße ist oder Schule schwänzt. Für sie ist es ein Erziehungsauftrag. Doch für die Erzieher aus meinem Buch ist es ein Job. Sie fühlen nichts für die Kinder.
Die Ich-Person hat Mühe, mit ihrer Freundin Danny klar zukommen. Sie kennen sich schon lange, doch Danny ist bereit, sich für ein anderes Leben zu verändern. Warum kann die Ich–Person sich nicht so ändern wie Danny? Glauben Sie, dass es ihre Lebensbedingungen nicht zulassen?
Danny hat eine andere Perspektive. Sie hat ein Leben vor Augen, von dem sie nur träumen konnte. Der Ich-Person wird das Traumleben schnell wieder entrissen. Da frage ich mich, wofür soll sie sich ändern? Sie hat kein Ziel auf das sie sich stützen kann.
Tode bringen das Leben der Ich-Person sehr ins Wanken. An einer Stelle überlegt sie, wer alles Chancen hat zu überleben. Warum konfrontieren Sie die Leser mit so vielen Selbstmorden? Welche Aussage wollen Sie vermitteln?
Ich will den Lesern vor Augen führen, dass wir in Deutschland Parallelwelten haben. Dafür muss man nicht in eine Großstadt fahren um das Elend zu sehen, sondern das Elend ist direkt vor unserer Haustüre. Man muss nicht einmal in irgendwelche Hochhaussiedlungen fahren.

- LupeBuchcover "Die Ameisensiedlung"
Warum haben Sie den Begriff „Ameisensiedlung“ für Ihr Buch gewählt?
In einem Ameisenhaufen ist es ja so, dass Tausende von Ameisen durcheinander rennen und so stelle ich mir das in der Ameisensiedlung auch vor. Wir sehen nur die Leute, die dort umher laufen. Doch ein Ameisenhaufen hat eine Ordnung, wie die Personen in der Siedlung.
Zu „Ameisensiedlung“ gibt es ja sogar ein Unterrichtsmodell. Was sollen wir Schüler lernen?
Ja, vielleicht einfach mal nachdenken darüber, was man ändern kann. Schüler sollen anfangen gegen die Realität zu träumen. Das ist mir sehr wichtig. Es darf nicht so bleiben.
Alkoholsucht spielt im Leben der Ich-Person Conny eine große Rolle. Die eigene Mutter trinkt, „nimmt ihr so die Jugend weg“, sagen Sie in Ihrem Buch. Wie meinen Sie das?
Die Mutter kann keine Verantwortung mehr tragen. In dem Punkt muss Conny sich wie eine Erwachsene verhalten, indem sie sich um alles kümmert.
Bei meiner Arbeit in der Jugendhaftanstalt sagte mir mal jemand: „Ich träume davon, nicht mehr nüchtern zu werden in diesem Leben“. So stelle ich mir auch die Mutter von Conny vor. Sie kann ihr Leben so nicht ertragen.
Am Ende des Buches geht die Ich-Person wieder in ihren Alltag zurück, obwohl ein Lehrer ihr viel Unterstützung anbot. Nun lebt Conny bei Freunden aus ihrer Bande. Warum hat der Lehrer aufgegeben ihr zu helfen?
Der Lehrer hat seine Schülerin nicht verstanden. Seiner Meinung nach hat er Conny eine große Chance in ihrem Leben gegeben, die sie nicht ergriffen hat. Sie aber konnte sich nach vielen Jahren Ameisensiedlung nicht in ein anderes Leben eingliedern. Der Lehrer hatte keine Möglichkeit ihr eine neue Heimat zu geben, in der sie sich zu Hause fühlt.
Die Mutter, die so wenig mütterlich handelt, ist so entscheidend für Conny. Was hätte die Mutter anders machen sollen?
Ich denke, das Schicksal hätte anderes mitspielen sollen. Aber Connys Leben ist noch nicht vorbei. Sie ist erst 15. Vielleicht kommt die Mutter ja doch wieder. Das Ende kann man sich selber ausdenken.
Bei Conny scheint es so, als ob ihr Schule und eigentlich das ganze Leben so egal wären. Nur wenn es um ihre Brüder geht merkt der Leser, dass Conny nicht alles egal ist. Warum hat Conny so eine enge Beziehung zu ihren Brüdern?
Ja, weil sie klein und höflich sind und weil sie die Brüder sind. Ich erlebe das immer wieder, wenn ich zu Jugendlichen in Förder- und Hauptschulen und Jugendgefängnissen gehe, dass dort viele verlorene Jugendliche sind. Sie bräuchten alle Schutz.

- LupeBuchautorin Mirijam Günter
Wie versuchen Sie den Jugendlichen zu helfen?
Seit 2006 mache ich Literaturworkshops, z.B. in Jugendgefängnissen. Ich lese mit ihnen Literatur und sie dürfen selber etwas schreiben. Ich versuche ihnen beizubringen, wie sie ihre Wut und ihre Angst und ihre Träume in Worte fassen können. Vielleicht lernen sie, dass man mit Hilfe der Literatur auch eine andere Welt finden kann und dazu keine Drogen braucht.
Mich wundert, welche positive Resonanz ich dafür erhalte, dass es mich fast schon beschämt.
Manchmal sagen Sie Kleidung und Essen sind Menschenrechte, wenn sich die Clique Lebensmittel stiehlt. Wie meinen Sie das? Soll dies das Verhalten der Jugendlichen entschuldigen?
Entschuldigen will ich nichts. Doch eine Heimleiterin erzählte mir mal, dass Kinder sich wundern, dass es ab dem 20. noch etwas zu essen im Heim gibt. Zu Hause fehlte das Geld, um noch etwas zu kaufen. Und wenn jemand hungert, kann man ja noch verstehen, wenn er Nahrung stiehlt.
Gibt es ein Recht auf eine Familie, die mich schützt? Kann das überhaupt ein Recht sein, wenn Eltern ein Recht auf selbst bestimmtes Leben haben?
Na ja, wenn Eltern nicht dazu in der Lage sind, finde ich, dass jeder Jugendliche und jedes Kind das Recht auf mindestens einen Erwachsenen haben sollte, der das Kind liebt und es schützt. Das wäre schon eine große Hilfe.
Menschenrechte und ein Leben im Heim oder in der verwahrlosten Familie. Was hat das miteinander zu tun?
Menschenrechte gelten überall, egal unter welchen Verhältnissen ich aufwachse. Es sollte das Recht auf Liebe, Geborgenheit, Essen und Kleidung und ein Dach über dem Kopf geben.

- Johanna Deuster
Junior-Reporterin Johanna Deuster
Johanna ist 14 Jahre alt und wohnt in Köln. Sie geht in die 8. Klasse. Sie trifft sich gern mit Freunden, geht gerne tanzen, liest viel und interessiert sich für Filme. Das younicef-Redaktionsteam ist sehr froh über die Unterstützung von Johanna!
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die autorin
Mirijam Günter ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die es schafft, ihre Leser in eine andere Welt mitzunehmen. In eine Welt, die viele nicht so erleben, erschreckend und voller Gewalt und doch „ist sie direkt vor unserer Haustür“, meint Frau Günter in unserem Gespräch.
Mirijam Günter, Jahrgang 1972, schrieb zwei Romane:
„Heim“ (2003) und „Ameisensiedlung“ (2006).
die bücher
„Heim“ (2003)
Ein Ort, an dem man nicht sein möchte... wo man aber unsere Ich-Person finden kann.
Doch auch in einem Erziehungsheim bilden sich Freundschaften. Es geht immer um Zusammenhalt und Überleben. Lässt sich der Kreislauf von Verwahrlosung, Gewalt und Flucht durchbrechen? Und was kommt dann?
„Die Ameisensiedlung“ (2006)
„Es kann keine guten Erwachsenen geben“, sagt die Bande zu Conny, als sie ihren Lehrer mitbringt. Keine Erklärung des 15-jährigen Mädchens kommt bei den Jungen an. Sie haben ein bestimmtes Weltbild und Conny muss sich entscheiden.
Kann der Lehrer ihr eine Chance bieten? Kann ihr Leben als „Ameise“, als eine von so vielen im sozialen Brennpunkt, sich wirklich ändern? Hat sie eine Zukunft in der „bürgerlichen Welt“?











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