
experten im interview
"Ein Bauer in einem Entwicklungsland hat gar keine andere Wahl, als seine Ware zum Spottpreis zu verkaufen"
Interview der Jungen Presse mit Regierungsberater Dr. Andreas Stamm - ein Beitrag von Junior-Reporterin Kim Ly Lam
Im Rahmen eines Interviewtrainings der Jungen Presse, einem Verein für junge Journalisten, habe ich in Bonn die Chance bekommen, den Regierungsberater Dr. Andreas Stamm über die derzeitige Entwicklungspolitik zu befragen. Unterstützung erhielt ich dabei von René Reile und Janne Fröhlich.
Dass Menschen sich gegenseitig informieren und aufklären müssen, hält Dr. Andreas Stamm, Regierungsberater des deutschen Instituts für Entwicklungspolitik nicht nur für eine Möglichkeit, sondern eine Voraussetzung, um an einer besseren Welt zu arbeiten. Aber was genau macht eine bessere Welt überhaupt aus? Ein Gespräch über Egoismus, die Rolle Chinas und korrektes Verhalten.
Junge Presse: Herr Stamm, Sie arbeiten nun schon seit 13 Jahren als Berater im Bereich Entwicklungshilfe. Was motiviert Sie zu solchem Engagement?
Dr. Andreas Stamm: Während meines Studiums habe ich einige Zeit in Nicaragua verbracht. Ich habe viel erlebt und die teilweise unmöglichen Lebensbedingungen der Menschen dort gesehen - wenn ich Mitgefühl entwickele und das ungenutzte Potenzial des Landes sehe, kann ich nicht einfach nach Deutschland zurückkehren und so tun, als ob nichts gewesen wäre. Meine jetzige Arbeitsstelle ist eine tolle Möglichkeit soziales Engagement und Arbeit zu verbinden.
JP: Angesichts der jetzigen Finanzkrise wird die Bundesregierung in nächster Zeit möglicherweise sparsam mit ihrem Haushalt umgehen. Inwiefern wirkt sich das auf die Entwicklungshilfe aus?
Stamm: Es ist nicht ausschließbar, dass dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe Gelder gekürzt werden. Da die Entwicklungspolitik zur Zeit auf einem stabilen Weg ist, gibt es aber keine Befürchtungen.
Entwicklungshilfe besteht ja außerdem nicht darin, dass Entwicklungsländern reines Geld überwiesen wird, denn es müssen festgeschriebene Rahmenbedingungen in der Kooperation mit Entwicklungsländern eingehalten werden.
JP: Wenn die Rolle Chinas in Entwicklungsländern beschrieben wird, spalten sich oft die Meinungen. Was für Entwicklungshilfe hat China bisher geleistet?
Stamm: Offiziell ist China eigentlich selbst als Entwicklungsland registriert. Bemerkenswert ist aber, dass dieses Land bisher am meisten dazu beigetragen hat, die Armutsrate weltweit zu senken.
JP: Das hört sich nach sehr effektiver Entwicklungspolitik an. Wieso spiegelt sich diese nicht in der eigenen Armut wieder?
Stamm: China legt viel Wert auf Infrastruktur. In anderen Bereichen wie beispielsweise Hungerhilfe wird nicht dieselbe Menge an Geld investiert. Viele Teile Chinas leiden allerdings unter den Folgen von Dürre und benötigen demnach eigentlich Nahrungsmittel und Trinkwasser. Die Not innerhalb China ist daher sehr groß. In Afrika jedoch hat der Aufbau der Infrastruktur auch viele Fortschritte gebracht.
JP: Wo wir schon beim Thema Afrika sind: Es ist ja kaum zu übersehen, dass die Medien sehr stark auf diesen Kontinent fokussieren. Was könnte der Grund dafür sein?
Stamm: Mit Sicherheit liegt es daran, dass der Kontinent Europa am nähsten liegt. Mit den verstärkten Aufrufen zur Hilfe in Afrika wird auch versucht, die Flüchtlingswelle über das Mittelmeer einzudämmen. Wenn es bessere Bedingungen für die Menschen im eigenen Land gäbe, würden sie keine Gründe mehr sehen nach Europa zu flüchten. Der Grund dient also eher dem eigenen Nutzen.
JP: Es wird nicht nur den Regierungen, sondern auch den Bürgern der Industrieländer Egoismus vorgeworfen. Inwiefern trifft das zu?
Stamm: Die meisten Leute denken nur an ihren eigenen Profit. Dies ist leider an ihrem Kaufverhalten erkennbar, denn wo gespart werden kann, wird gespart.
Da Verkaufsketten wie ALDI sich nach dem Kaufverhalten ihrer Kunden richten, versuchen sie bei ihren Lieferanten ebenfalls den Preis runter zu drücken.
Der Lieferant ist in den meisten Fällen ein Bauer in einem Entwicklungsland und hat gar keine andere Wahl, als seine Ware zum Spottpreis zu verkaufen, weil er sonst ALDI als Kunden verlieren würde. Sich beim Einkauf von Geiz leiten zu lassen ist deshalb sehr egoistisch.
JP: Wie sollten sich die Leute Ihrer Meinung nach denn „korrekt“ verhalten?
Stamm: Das sogenannte FAIR TRADE-Siegel weist nach, dass die Produkte zu einem fairen Preis gekauft und die Bauern nicht ausgebeutet wurden.
Selbstverständlich gibt es Familien, die es sich nicht leisten können, ausschließlich FAIR TRADE–Produkte zu kaufen, aber selbst bei wenigen Produkten kann ein Umstieg auf FAIR TRADE Großes bewirken. Fairer Handel ist nämlich sehr wichtig und zeigt Verantwortungsbewusstsein. Dies sage ich nicht einfach so – ich selbst bin FAIR TRADE – Käufer.
JP: Sie reden von Ausbeutung der Bauern durch unseren Markt. Nun sind manche Leute der Meinung, dass Entwicklungsländer komplett vom europäischen Markt ausgeschlossen werden sollten, sodass eine Ausbeutung gar nicht möglich wäre. Wäre so eine radikale Aktion denn sinnvoll?
Stamm: Nein, die Isolierung und Eingrenzung von bestimmten Gruppen hat sich noch nie als moralisch korrekt oder produktiv bewehrt. Ein Boykott seiner Produkte bringt dem beispielsweise lateinamerikanischen Bauer letzendlich nichts. Dies wäre eine sogenannte „Protektion“ gegen die schon viele Entwicklungsländer protestiert haben.Ein freier Markt ist ein wichtiger Schritt, um die Welt fairer zu gestalten. Eine bessere Welt braucht Fairness.

- Kim Ly Lam
Junior-Reporterin Kim Ly Lam
Kim Ly ist 15 Jahre alt und wohnt in Köln. Dort besucht sie das Hansa-Gymnasium. Ihre Hobbys sind (Apnoe-) Tauchen, Freunde treffen, Gitarre spielen, Bilder zeichnen und Bücher lesen. Kim Ly verreist gern und mag es, fremde Orte kennenzulernen. Das younicef-Redaktionsteam freut sich sehr über den Beitrag von Kim!












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